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Pessach

Gedanken zum Feiertag 2010
von Raw Pardess

Die Erzählung der Haggada von Pessach beginnt mit "Ha lachma anja", dem Text über das Brot der Armut. Darin sagen wir unter anderem, dass wir jeden, der hungrig ist, einladen, sich zu uns zu setzen. Doch in den Zeiten des Beit Hamikdasch war das nicht möglich: Jeder musste sich zu einer Gruppe, die zusammen ein Pessach-Opfer darbrachte, anmelden. Anschließend durften nur die angemeldeten Personen am Sederabend teilnehmen.
Was ist der Grund dafür, dass das spontane Einladen von Gästen am Sederabend ausgeschlossen wurde?
Der Auszug aus Ägypten, dem wir am Sederabend gedenken, stellt den Zeitpunkt dar, an dem aus vielen Individuen ein Volk wurde. Die Basis für diese Volkwerdung ist die Familie, die kleinste Einheit, in der sich der Mensch als Teil des Volkes verbindet und vermehrt. Um die Familie zu Pessach zu betonen, konnte der Sederabend nur in begrenzten, familiären Gruppen begangen werden.

Die Haggada setzt mit "Ma Nischtana" fort, den vier Fragen, die die Kinder am Sederabend stellen. Wir lernen aus dieser wichtigen Funktion, die die Fragen am Sederabend einnehmen, zwei Dinge: Erstens, dass es im Judentum wichtig ist, Fragen zu stellen. Alles kann hinterfragt werden, für jedes Gesetz darf und soll man nach der Begründung fragen. Zweitens sehen wir aber auch, dass der Sederabend gleich mit der Beantwortung der Frage fortsetzt. Es ist nämlich nicht nur wichtig, Fragen zu stellen, sondern auch, sich seine Fragen beantworten zu lassen und sich die Antwort genau anzuhören. Oft kommt es vor, dass Leute Fragen vor allem stellen, um eine Meinung zu vertreten, eine Kritik vorzubringen oder zu provozieren. Das sind aber nicht die Fragen, die wir angehalten sind zu stellen. Vielmehr sollen wir Fragen stellen, müssen aber auch bereit sein, uns diese Fragen beantworten zu lassen.

 

Gedanken zum Feiertag 2008
von Raw Pardess

Als die Juden in Ägypten waren, war ihnen die Tora noch nicht gegeben worden, deswegen hatten sie auch noch nicht die 613 Mizwot. Doch auch die sieben noachidischen Gebote hielten die Juden nicht ein, wie man es am Vorwurf der Engel gegenüber G'tt erkennt, die sagten: "Wieso sollen die Juden vor den Ägyptern gerettet werden - diese sind Götzendiener und diese sind Götzendiener!"

Der Midrasch sagt uns, dass die Juden gerettet wurden, weil sie drei Dinge bewahrten: ihre jüdischen Namen, ihre hebräische Sprache und ihre sittsame Bekleidung. Dies zeichnete sie auch in ihrer niedrigen geistigen Stufe aus und bewahrte sie vor Assimilation.

Eine Andeutung darauf finden wir auch im Hallel-Gebet, wo steht: "Beim Auszug der Kinder Israels aus Ägypten, dem Auszug des Hauses Jakobs aus einem Land mit fremder Sprache, wurde Jehuda sein Heiligtum." Die jüdischen Namen findet man in der Formulierung "Kinder Israels." "Land mit fremder Sprache" zeigt, dass die Juden unter sich nach wie vor Hebräisch sprachen, und das "Heiligtum" bestand in der Einhaltung der Zniut-Regeln.
 

An jedem Schabbat und Feiertag muss man den Kiddusch am Ort und zur Zeit der Mahlzeit machen. Das bedeutet, dass man am selben Ort und gleich nach dem Kiddusch Brot oder Kuchen essen muss. Am Sederabend halten wir uns aber anscheinend nicht an diese Mizwa: Wir sprechen den Kiddusch, aber vor der Mahlzeit lesen wir noch die ganze Haggada, und warten daher mit dem Essen über eine Stunde.
Dieser Widerspruch lässt sich erklären, wenn man sich anschaut, wie der "Kiddusch" in der Pessach-Haggada eigentlich genannt wird: Anstatt "Kiddusch" (Heiligung) steht dort "Kadesch" (heilige!). Damit ist gemeint, dass wir den Kiddusch damit heiligen sollen, dass wir den Seder mit der Haggada führen. Deshalb ist alles, was bis zur Mahlzeit kommt Teil des Kiddusch, und wir erfüllen auch am Sederabend die Mizwa von "Kiddusch am Ort der Mahlzeit".
 

Im Andenken an die vier Stufen der Erlösung, die G'tt uns zuteilwerden lies, trinken wir am Sederabend vier Gläsern Wein. Es ist sehr logisch, weshalb es ausgerechnet vier Gläser sind, denn es gab wie gesagt vier Stufen der Erlösung.
Aber weshalb gedenken wir dieser Tatsache ausgerechnet mit vier Gläsern Wein, und nicht mit einem anderen Getränk oder einer anderen Speise?

Die meisten Vergnügen, die es gibt, sind beim ersten Mal sehr gut, beim zweiten Mal schon etwas weniger, und je öfter man sie genießt, desto langweiliger und uninteressanter werden sie. Die einzige Ausnahme ist Wein - in Maßen getrunken genießt man das zweite Mal mehr als das erste Mal, und das dritte Mal mehr als das zweite. Daher wurde ausgerechnet Wein als Symbol für die vier Stufen der Erlösung gewählt, denn auch die Erlösung erfolgte in vier Stufen, die immer besser wurden - vom Ende der Knechtschaft bis zur Toragabe am Berg Sinai.
 

Einer der vier Söhne, von denen die Haggada berichtet, ist der "Rascha", der Böse. Auf den ersten Blick hält er nichts von der Religion und vom Sederabend, und stellt deshalb die provokative rethorische Frage: "Was ist euch dieser Dienst?" Darauf antworten wir ihm: "Wärest du damals in Ägypten dabei gewesen, wärest du nicht erlöst worden!"

Aber stimmt diese Deutung wirklich? Immerhin kommt dieser Rascha, von dem die Haggada spricht, noch zum Seder, und beteiligt sich soweit, dass er das, was er beobachtet kommentiert. Und weshalb beantworten wir seine Frage nicht?

In Wahrheit symbolisiert der Rascha denjenigen, der kein Problem mit der Religion hat, und der auch den Glauben an G'tt nicht ablehnt. Aber er versteht nicht, warum es nötig ist, die Gebote einzuhalten. Deshalb fragt er auch: "Was ist euch dieser Dienst?"
Er versteht nicht, dass es nicht nur wichtig ist zu glauben, sondern auch, den Glauben an seine Nachkommen weiterzugeben, denn nur so können sie auch lernen. Wenn die Religion nicht aktiv ausgelebt wird, geht sie verloren. Er wäre aus Ägypten nicht erlöst worden, weil er durch das Ignorieren der Gebote so assimiliert worden wäre, dass er gar nicht mehr erlöst hätte werden können.
 

Nach dem Essen von Mazza und Maror ist es ein Brauch, vor der Mahlzeit ein Ei als Erinnerung an den zerstörten Tempel zu essen.

Die Begründung für diesen Brauch ist die Tatsache, dass die erste Sedernacht immer auf den selben Wochentag fällt wie Tischa Beaw, der Tag, an dem der Tempel zerstört wurde. Aber welchen tieferen Zusammehang haben diese beiden Tage, außer, dass sie auf den selben Wochentag fallen?

In der Megillat Eicha, die zu Tischa Beaw gelesen wird und von der Zerstörung Jeruschalajims und des Tempels erzählt, steht: "Jehuda wurde wegen Armut - 'Oni' - vertrieben." Die Mazza wird auch "Lechem Oni", das Brot der Armut genannt. Die Juden hatten vor der Zerstörung des Tempels aufgehört, zu Pessach Mazzot zu Essen, und wurden unter anderem deshalb aus dem Heiligen Land vertrieben. Daher erinnern wir uns gerade am Sederabend, während wir Mazzot essen, an die Zerstörung des Tempels.


Gedanken zum Feiertag 2007
von Raw Pardess

In der Haggada von Pessach steht: "Wehi scheamda lawotenu welanu. - Das, das unsere Väter und uns unterstützt hat."
Was ist diese Sache, die uns gegen die diversen Feinde unterstützt hat, wie es in der Pessach-Haggada steht?

Direkt vor diesem Passuk wird in der Haggada an das Versprechen von Haschem an Awraham erinnert, dass Awrahams Nachfahren zwar Sklaven sein werden, dass G'tt sie aber retten wird. Dieses Versprechen gab den Juden die Gewissheit, dass sie gerettet werden würden, und half ihnen so, die Zeit der Unterdrückung zu überstehen.

Neben vielen anderen gibt es auch diese Erklärung: Wir leben heute, so wie auch die Juden in Ägypten, in einer nichtjüdischen Gesellschaft, wir stehen den ganzen Tag mit Nichtjuden in Kontakt. Deswegen ist es wichtig, dass man sich gewisse Grenzen setzt. Eine der wichtigsten der diesbezüglichen Vorschriften ist das Verbot von "Jain Nessach", nichtgekochter Wein von Nichtjuden. Während der Passuk "Wehi scheamda" gesprochen wird, hebt man das Weinglas. Es ist (unter anderem) der Wein, durch den die Juden in Ägypten einen Abstand gegenüber der Umgebung einhielten, und dies bewahrte das jüdische Volk davor, sich zu assimilieren und in Ägypten verloren zu gehen.

Der erste Teil des Seders, der den Kiddusch enthält, heißt "Kadesch". Grammatikalisch betrachtet ist Kadesch im Gegensatz zu Kiddusch eine Befehlsform. Daraus sollen wir lernen, dass wir uns beeilen sollen, den Seder so schnell wie möglich zu beginnen, damit die Kinder nicht einschlafen, bevor man mit dem Erzählen der Haggada beginnt. Denn es ist eine der wichtigsten Mizwot am Sederabend, den Kindern vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.

Wenn man etwas verpfändet, und diesen Gegenstand anschließend trotzdem verkauft, kann der Gläubiger den verpfändeten Gegenstand vom Käufer zurückverlangen, wenn der Schuldner ihm nicht rechtzeitig zahlt, auch wenn der Käufer ordnungsgemäß gezahlt hat. Eine Ausnahme besteht, wenn der Gegenstand als "Hekdesch", als etwas geheiligtes, dem Tempel gespendet wird. In diesem Fall verliert der Gläubiger sein Recht auf diesen Gegenstand.
Das jüdische Volk war an den Pharao verpfändet, um für ihn zu arbeiten. Um es aus Ägypten zu befreien, hat Haschem es als "Hekdesch" gegeben, in dem er es für heilige Aufgaben vorgesehen hatte, wie zum Beispiel für den Bau des Mischkan. Dies war, wie oben erläutert, die einzige Möglichkeit, das Pfandrecht der Ägypter zu durchbrechen.

Als Erinnerung daran, so eine zweite Erklärung, wird der erste Teil des Seders "Kadesch" genannt, das vom Stamm "Hekdesch" kommt.

 
Gedanken zum Feiertag 2006
von Raw Pardess

In der Haggada von Pessach, bei Dajenu, steht: "Wenn G'tt uns zum Berg Sinai gebracht, uns aber die Tora nicht gegeben hätte, wäre es genug für uns gewesen!"

Diese Zeile ist schwer zu verstehen: Was bringt es dem jüdischen Volk, am Berg Sinai zu stehen, wenn es die Tora nicht bekommt? Wieso bedanken wir uns bei Haschem dafür, dass er uns zum Berg geführt hat?
Raw Kook erklärt es folgendermaßen: Wenn G'tt uns zum Berg Sinai gebracht hätte, wo wir wie ein einziger Mensch, alle zusammen, vor G'tt gestanden sind, uns aber die Tora nicht gegeben hätte, wäre es uns genug gewesen!

Er bezieht sich dabei auf Raschi, der erklärt, dass das jüdische Volk am Berg Sinai wie ein Mensch mit einem Herzen vor G'tt stand, denn normalerweise spricht die Tora über das jüdische Volk im Plural, sie sagt zum Beispiel: "sie zogen, sie ruhten". An dieser Stelle steht aber "es [das jüdische Volk] ruhte" im Singular.

Eine andere Erklärung analysiert den Satz genauer. Es steht nicht: "... aber die Tora nicht gegeben hätte", sondern "... aber uns die Tora nicht gegeben hätte." Haschem hätte die Tora auch allen anderen Völkern geben können. Das hätte uns auch gereicht. Aber er hat unsere Befreiung noch gesteigert, in dem er die Tora nur uns gegeben hat.
 

Zur Zeit, als der Tempel in Jerusalem noch stand, konnten zu Pessach Scheni, einen Monat nach Pessach, jene, die am ersten Pessach tame (rituell unrein) waren, oder zu weit von Jerusalem entfernt waren, ein Pessach-Opfer bringen. Und auch nach der Zerstörung des Tempels ist es Brauch, am 14. und 15. Ijar, also einen Monat nach Pessach, Mazzot zu essen, in Erinnerung an das Pessach-Opfer.
Diese besondere Möglichkeit gab es aber nur zu Pessach. Zu allen anderen Feiertagen gibt es keine zweite Chance, die Mizwa zu erfüllen, auch wenn man aus wichtigen Gründen verhindert war. Der Grund dafür ist, dass die Juden nur zu Pessach darum gebeten haben.

Die Tora erzählt, dass eine Gruppe von Leuten, die unrein waren, weil Sie einen Toten begraben hatten, sich bei Mosche beschwerten, dass sie nicht mit allen anderen das Pessach-Opfer bringen konnten. Mosche wandte sich an Haschem, der den Juden daraufhin die Möglichkeit gab, einen zweiten Pessach zu feiern, wenn sie beim ersten unrein oder zu weit vom Tempel entfernt waren. Hätten die Juden auch bei den anderen Feiertagen um diese zweite Chance gebeten, hätte Haschem ihnen diese Möglichkeit auch da geboten.

Daraus lernen wir, dass Haschem uns hilft, wenn wir eine Mizwa erfüllen wollen. Es wäre den Menschen gar nicht möglich, die Mizwot zu erfüllen, wenn G'tt ihnen nicht helfen würde. Wenn ein Mensch aber die Mizwot wirklich erfüllen will, wird Haschem ihn dabei unterstützen.