Home Geschichte Geschichte der Juden in Wien Symposium „ Wiens jüdische Gemeinde im 17. Jahrhundert“
Symposium „ Wiens jüdische Gemeinde im 17. Jahrhundert“
Symposium „ Wiens jüdische Gemeinde im 17. Jahrhundert“
im Misrachi- Haus am 24. Mai 2006

in Zusammenarbeit mit der Wissenschafts- und Forschungsförderung der Stadt Wien

       

9:00 Begrüßung: Nechemja Gang, Präsident der Misrachi

9:15 Dr. Martha Keil, Institut für Geschichte der Juden in Österreich, St. Pölten :
Politische Geschichte und Siedlungsgeschichte der jüdischen Gemeinde in Wien
im 17. Jahrhundert.

Nach der Wiener Gesera von 1420/21 hielten sich zunächst nur fallweise und für beschränkte Zeit einige privilegierte Juden in der Stadt auf. Erst 1571 eraubte Kaiser Maximillian II die Ansiedlung von sieben priviligierten Familien und durchbrach damit das strenge Aufenthaltsverbot. Um die Wende zum 17. Jahrhundert wohnten 78 Juden und Jüdinnen als Mieter von 14 christlichen Häusern in der Gegend um die Wipplingerstraße. Der steigende Finanzbedarf der Habsburger führte zu einer steten Ansiedlung von Juden, bis ihnen 1624 schließlich Ferdinand II 14 Häuser im „unteren Wird“ im heutigen 2. Gemeindebezirk zuwies.
Die Häuser- und Einwohnerzahl stieg rasant: bei der Vertreibung 1670 zählte man 104 Häuser in jüdischem Besitz, bei etwa 3.000 im Wird wohnhaften Juden und Jüdinnen. Ein Privileg erlaubte ihnen die Schaffung jeder für das religiöse und soziale Leben nötigen Infrastruktur, sogar ein Gefängnis und eine Straßenreinigung wurden eingerichtet. Bedeutende und gelehrte Juden, auch Kabbalisten, zogen aus Polen und Böhmen zu, mit Prag bestanden intensive familiäre, religiöse und geschäftliche Beziehungen. 1660 bestanden im Wird drei Synagogen mit bedeutenden Rabbinern. Wirtschaftlicher Neid und christlicher Aberglaube führten 1670 unter Leopold I. zur Vertreibung und Auflösung dieser blühenden Gemeinde. Als wichtigstes Zeugnis besteht bis heute der Friedhof in der Seegasse 11, mit seinen eindrucksvollen Grabsteinen im Renaissancestil.
Martha Keil, geboren in Wien, studierte Geschichte und Judaistik in Wien und Berlin. Seit 1988 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Juden in Österreich, seit 2004 deren Direktorin. Forschungsschwerpunkte: Jüdische Alltags- und Kulturgeschichte, Frauengeschichte und Gender Studies sowie die vielfältigen Beziehungen zwischen Juden und Christen im spätmittelalterlichen Aschkenas.


10:30 Univ.Prof. Schlomo Spitzer, Bar Ilan – Universität, Israel:
Die rabbinischen Persönlichkeiten der Wiener jüdischen Gemeinde im 17. Jahrhundert

Univ. Prof. Schlomo Spitzer wuchs in Wien auf. Er dient als Professor für jüdische Geschichte an der Universität Bar Ilan.
Sein Spezialgebiet: Das Mittelalter in den Ländern Zentraleuropas, insbesondere die Juden in Österreich und Ungarn.
Gemeinsam mit der ungarischen Akademie gab er ein Buch über die hebräischen Quellen zur Geschichte Ungarns und zur Geschichte der Juden in Ungarn.
Über die jüdischen Bräuche gab er einige Bücher heraus, derzeit ist sein Buch über die religiösen Bräuche des Awraham Klausner aus Wien im Druck.


11:30 Univ. Doz. Meir Raffeld, Universität Bar Ilan, Israel
Lebensweg, Persönlichkeit und Wirken des „Tossafot Jom Tov“- Rabbiner Jom Tov Lipman Heller.

Das Spezialgebiet von Univ. Doz. Meir Raffeld ist rabbinische Literatur und Bibliographie, die Geschichte des Gebets und seine Entwicklung in den verschiedenen Traditionen sowie die Erforschung der jüdischen Bräuche.
Lehrtätigkeit an der Universität Bar Ilan in der Fakultät für Talmud und Judaistik. Leiter des Zentrums für grundlegende Studien des Judentums and der Universität Bar Ilan.


14:15 Rav Joseph Pardess, Rabbiner der Misrachi, Wien:
Die juristisch- halachische Verbindlichkeit der testamentarischen Verfügung des „Tossafot Jomtov“ an seine Nachfahren, den Tag seiner Befreiung aus dem Gefängnis als Feiertag zu begehen.

Rav Joseph Pardess, in Israel geboren, absolvierte das Rabbinatsstudium und anschließend das Studium des religiösen Richteramts. Sei knapp 15 Jahren ist er als Rabbiner in Wien tätig.


15:15 Priv. Doz. Mag. Dr. Peter Rauscher, Universität Wien:
Die Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich im Jahr 1670

Geboren in Nürnberg, studierte Peter Rauscher Geschichte und Germanistik and den Universitäten Erlangen- Nürnberg, Tübingen, Passau und Wien. 2001 promovierte er zum Dr. phil. Derzeit wirkt er als Assistent am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.
Forschungsschwerpunkte : Heiliges Römisches Reich, Habsburger Monarchie, Finanz- und Verfassungsgeschichte, Jüdische Geschichte in der frühen Neuzeit.
Die Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich im Jahre 1670: Die Motive für die Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich unter der Regierung Leopolds I scheinen seit längerem bekannt zu sein. Eine judenfeindliche Stimmung in der kaiserlichen Familie, am Hof und in der Stadt Wien hat offensichtlich zu diesem in Europa weit Aufsehen erregenden Ereignis geführt. Bei einer näheren Überprüfung der Quellen zeigt sich allerdings, wie wenig wir über die Hintergründe der Vertreibung tatsächlich wissen. Besonders die Verbindungen der Wiener Judenschaft zum Kaiserhof bilden nach wie vor eine große Unbekannte zum Verständnis der Ereignisse von 1669/70 .


16:15 Dr. Milka Zalmon, Elkana, Israel:
Der Weg der vertriebenen Juden- die Gründung neuer Gemeinden („Schewa
Kehillot“)


Dr. Milka Zalmon beschreibt den geopolitischen Hintergrund zur Zeit der Gründung der „7 Gemeinden“ , sowie deren rechtliche Situation, wirtschaftliche Betätigungen, demographische Situation und deren Beziehungen mit der nichtjüdischen Gesellschaft.
Milka stammt aus einer Familie, die vor der Schoa aus dem Burgenland geflüchtet ist. Den ersten Studienabschnitt absolvierte sie an der hebräischen Universität Jerusalem, das Magisterium und das Doktorat an der Universität Bar Ilan. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über die „7 Gemeinden“, ihre Doktorarbeit über die jüdische Gemeinde Deutschkreuz von deren Gründung bis zur Vernichtung in der Schoa.
Derzeit arbeitet sie an einer Artikelreihe über die Juden in Österreich in der Zeit der ersten Republik bis in die Zeit der Schoa.