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Der Midrasch berichtet, dass G'tt den Berg Sinai über das jüdische Volk hielt und forderte, dass dieses die Tora annehmen müsse. In der Gemara wird vom Vorwurf der anderen Völker berichtet: Diese hätten, wären sie gewzungen worden, die Tora ebenso angenommen!
Der Midrasch beantwortet diesen Vorwurf mit einer Stelle aus der Parascha dieser Woche, die nicht zufällig meistens am Schabbat vor Schawuot gelesen wird. Im Rahmen der Zählung des Volkes wird erwähnt, dass es nach ihren Familien, nach ihren Vatershäusern gezählt wurde. Raschi erklärt, dass jeder seine Abstammung belegen musste und konnte, und so einem Stamm zugeteilt werden konnte. Der Midrasch sagt nun, dass die Juden gezwungen wurden, da sie ihre Abstammung nachweisen konnten, die anderen Völker aber nicht.
Doch inwiefern beantwortet dies den Vorwurf? Normalerweise ist ein Bekenntnis oder sonst eine Aussage, die unter Zwang gewonnen wird, nicht viel wert. Doch der Rambam erklärt, dass ein Jude, Nachfahre von Awraham, Jizchak und Ja'akov, die Tora und die Mizwot prinzipiell einhalten will. Wird er also zum Einhalten gezwungen, holt man nur hervor, was ohnehin bereits in ihm ist. Das ist vergleichbar mit einem Kleinkind, das nicht essen will, obwohl es eigentlich sehr hungrig ist. Vielleicht ist es mit etwas anderem beschäftigt, beleidigt, etc. Doch wenn es zum Essen gezwungen wird, wird esdann auch weiter essen. Ein Mensch dagegen, der gewzungen wird, zum Beispiel Sand zu essen, wir das umgehend einstellen, sobald der Zwang beendet wird. Damit ist erklärt, weshalb nur ein Volk, das seine Nachkommenschaft von von Awraham, Jizchak und Ja'akov lückenlos nachweisen konnte, durch Zwang zu einem bedeutsamen Bekenntnis zur Tora gezwungen werden konnte.

 


Die Parascha dieser Woche beschäftigt sich sehr ausführlich mit der Zählung des Volkes, in seiner Gesamtheit und unterteilt in die zwölf Stämme, sowie die Anordnung der zwölf Stämme in vier Gruppen zu je drei Stämmen rund um den Mischkan. Welche Bedeutung hat diese eingehende Beschäftigung der Tora mit den genauen Zahlen und Anordnungen, und vor allem: Welche Bedeutung hat das heute für uns?

Ein Volk ist von seiner Struktur her hierarchisch aufgebaut. Daher gibt es ein Oberhaupt, eine Regierung, einen Verwaltungsapparat, etc. Auch innerhalb eines Staates sind die Institutionen hierarchisch organisiert. Es gibt klar Ränge und Befehlsketten im Militär. Auch im Gerichtswesen gibt es eine klare Hierarchie der einzelnen Gerichte.

Auch während der Wanderung durch die Wüste hatte jeder Stamm seine Position im Gefüge des Volkes. An jeder Seite des Mischkans und des Aron Hakodesch zogen und lagerten drei Stämme, die jeweils von einem der drei Stämme geführt wurden, der wiederum von einem Fürsten geleitet wurde. Da in diesen Momenten das jüdische Volk entstanden ist, war die Ausbildung dieser Hierarchie sehr wichtig, weshalb die Tora hier sehr im Detail darauf eingeht.

Genauso, wie jeder im Gefüge eines Volkes seine Position hat, hat auch jeder seine Aufgabe, und zwar individuell für sich, aber auch als Teil des Volkes. Kurz vor Schawuot ruft uns die Tora  noch in Erinnerung, dass wir alle Teile des Volkes mit einer fixen Position und damit verbunden einer Aufgabe sind, denn nur wer seine Aufgabe kennt, ist bereit die Tora zu empfangen.


Diese Woche wird in der Parascha die Marschordnung der zwölf Stämme bei der Reise von Ägypten nach Israel beschrieben. Mosche fürchtete einen Streit unter den Stämmen über ihre Platzierung, da nicht jeder den besten Platz bekommen konnte und hatte deshalb bedenken, diese Einteilung bekannt zu geben. Doch G'tt konnte ihn beruhigen: Wie Raschi erklärt, war die Aufstellung die gleiche wie die der zwölf Stammesväter um ihren Vater Ja'akow kurz vor dessen Tod.

Doch weshalb haben die Söhne damals nicht um ihren Platz gestritten?

Auch wenn nach einem Todesfall manchmal über alles mögliche gestritten wird, werden diese Konflikte meistens vor dem Tod und bis zum Begräbnis zurückgehalten. Da Ja'akow schon im Sterben lag, als er seine Söhne um sich versammelte, um sie zu segnen, beschäftigten sie sich selbstverständlich nicht mit den Details ihrer Positionierung im Vergleich zu ihren Brüdern. Und so, wie damals ihr alter Vater sie verband und ihre persönlichen Befindlichkeiten zurückstellen lies, hatte auch der Aron Hakodesch, in dem die Tafeln mit den Zehn Geboten verwahrt waren, eine verbindende Wirkung unter den Stämmen.

Und weshalb war die Platzierung der Stämme überhaupt die gleiche wie damals die um Ja'akow?

Das Wesen der Erziehung ist es, Kindern etwas beizubringen, damit sie es dann selber tun. Es reicht zum Beispiel nicht, einem Kind bei der Bar Mizwa alle Mizwot, die es jetzt einhalten muss, zu erklären. Wenn man dem Kind schon von Früh an beibringt, die verschiedenen Mizwot einzuhalten, die Tefilot und Brachot zu sagen, wird es sie, wenn es dazu verpflichtet ist, schon selbstständig ausüben. Was man einmal gelernt hat, legt man dann auch nicht mehr ab. Raw Soloweitschik erklärt, dass man das auch an der Reaktion der Stämme auf die Marschaufstellung erkennt: Nachdem Ja'akow diese Aufstellung schon vor langer Zeit festgelegt hatte, und die Nachfahren schon im Bewusstsein ihrer Stellung innerhalb des Volkes erzogen wurden, gab es keine Probleme damit, diese Aufstellung jetzt auch in die Tat umzusetzen.


Das Mischkan wurde am 1. Nissan eingeweiht. Am 1. Ijar, also genau einen Monat später, wurde die erste Volkszählung durchgeführt. Es stellt sich die Frage, weshalb das Volk so lange gar nicht, und schlussendlich erst genau einen Monat nach der Einweihung des Mischkan gezählt wurde.

Wenn man etwas zählt, tut man es, um etwas zusammenzufassen, oder sonst einen Nutzen aus der Zählung zu ziehen. Wenn Menschen gemeinsam gezählt werden, fasst es sie in einer Gruppe zusammen, es vereint sie zu einem Zweck. Bevor das Mischkan stand, gab es nichts, das das Volk als Einheit um sich vereint hätte. Mit seiner Einweihung wurden dann die Stämme in ihrer Aufstellung rund um das Mischkan gezählt und so auch zu einem als Gesamtheit gezählten Volk zusammengefasst.

Auch heute nimmt das Sefer Tora für uns diese Rolle des Mischkan ein: Auch unreligiöse Juden, die vielleicht zu Pessach Chamez essen oder zu Jom Kippur nicht fasten, haben Respekt vor den Torarollen und erfreuen sich an ihnen, und vereinen so das jüdische Volk.

Wenn jemand neu in eine Stadt zieht, treffen ihn noch nicht sofort alle halachischen Rechte und Plichten eines Stadtbewohners. Erst nach einem Monat gilt man in dieser Hinsicht als vollwertiger Stadtbewohner. Deshalb wartete man nach der Errichtung des Mischkans auch einen Monat, bis sich alle Juden, die nun erstmals rundherum eine feste Siedlung aufbauen konnten, gegenseitig als Mitbewohner verpflichtet waren.


In der Parascha dieser Woche werden gleich am Anfang zweimal alle Stämme aufgezählt. Einmal werden die Vertreter der Stämme erwähnt, die für die Volkszählung zuständig sind, und dann wird die Aufstellung der Stämme um den Mischkan (Stiftszelt) beschrieben. Bezüglich der Stämme Efraim und Menasche steht beim ersten Mal: "Für die Söhne Josefs, Efraim (...) und Menasche (...)." Bei der zweiten Aufzählung steht: "Für die Söhne Josefs, für die Söhne Efraims (...) und für die Söhne Menasches (...). Die zusätzliche Erwähnung des Wortes "Söhne" vor den Namen der Söhne Josefs ist eigentlich überflüssig, denn die Nachfahren von Efraim sind natürlich auch Nachfahren seines Vaters Josef.

Die Aufstellung der Stämme um den Mischkan entsprach der Aufstellung der Söhne Ja'akows bei der Überführung von dessen Leichnam von Ägypten nach Israel. Diese wiederum entsprach der Aufstellung der Söhne um den im Sterben liegenden Ja'akow, als er sie segnete. Doch Josef konnte sich nicht an der Überführung seines Vaters nach Israel beteiligen, da dies ein ägyptisches Gesetz dem König ausdrücklich verbat. Er wurde deshalb von seinen beiden Söhnen Efraim und Menasche vertreten.

Dementsprechend stand der Platz in der Aufstellung um den Mischkan auch nicht Efraim und Menasche als Nachfahren Josefs zu, sondern einerseits den Nachfahren Efraims, und andererseits den Nachfahren Menasches. Dementsprechend werden sie auch im entsprechenden Passuk beide extra erwähnt.


In der dieswöchigen Parascha wird das jüdische Volk erneut gezählt, obwohl es einige Monate davor bereits eine Zählung gab. Raschi erklärt, dass diese Zählungen in der Zuneigung G'ttes gegenüber dem Volk begründet ist, so ähnlich wie ein Sammler seine kostbaren Stücke wieder und wieder zählt, um sich an ihnen zu erfreuen, auch wenn er vorher bereits weiß, wieviele es sind.

Es gibt auch einen Hinweis darauf, dass das Ergebnis der Zählung bereits bekannt war, und G'tt das Volk nur aus Zuneigung zählen lies: Bei der Aufzählung der Mitglieder jeden Stammes beginnt jeder Absatz mit "Für den Stamm ...". Bei Naftali, dem letzten Stamm der Aufzählung, steht nur "Der Stamm Naftali...". Daraus kann man schließen, dass der Stamm Naftali gar nicht mehr gezählt wurde: Da die Gesamtzahl von der letzten Zählung bekannt war und alle anderen Stämme erneut gezählt wurden, konnte man sich die Zahl der Mitglieder des Stammes Naftali ohne Zählung ausrechnen.

Dieser Beweis der andauernden Zuneigung G'ttes zum jüdischen Volk erfolgte kurz nach der Sünde vom Goldenen Kalb, also nach einem der schlimmsten vorstellbaren Sündenfälle des Volkes. So wie wir allgemein aus dem Verhalten G'ttes moralisches Verhalten für uns selbst ableiten sollen, zum Beispiel in dem wir Kranke besuchen oder Trauernde trösten, so sollen wir uns auch diese Eigenschaft G'ttes zu eigen machen: Ehrliches Verzeihen und Vergeben von Verfehlungen und Sünden unserer Mitmenschen. Wenn G'tt sogar die komplette Abwendung des Volkes durch das Goldene Kalb verzeihen konnte, sollten wir uns bemühen, unseren Mitmenschen ihre Verfehlungen ebenfalls zu vergeben.


In der Parascha dieser Woche wird das jüdische Volk gezählt. In der Tora steht, dass sie "bemispar schemot" gezählt wurden. Mispar bedeutet Zahl, und Schemot bedeutet Name. Daraus können wir lernen, dass jeder einzelne zwei Aufgaben auf dieser Welt hat: eine alleine, aber auch eine zusätzliche in der Gemeinschaft. Deshalb wird man nach Zahl, als Teil der Gemeinschaft, und nach Name, als Einzelperson gezählt.

Auch gegenüber nachkommenden Generationen ist man verpflichtet. Obwohl man natürlich nicht für Sünden seiner Vorfahren bestraft wird, kann man doch Belohnungen aufgrund der Taten der Vorfahren erfahren. Zum Beispiel verdanken Kohanim und Lewi'im bis heute ihren Status dem vorbildlichen Verhalten ihrer Vorfahren bei der Sünde vom Goldenen Kalb.


"Und sie ließen sich in die Geburtsverzeichnisse eintragen nach ihren Sippen, nach ihren Vaterhäusern."
Unsere Parascha erzählt, wie sich alle über 20jährigen Juden mit ihrem Stammbaum in ein Register eintragen ließen, welches dann für die Aufstellung der Streitkräfte benutzt wurde.
Aber ist für die Musterung eines Heeres nicht entscheidender, welche physischen Fähigkeiten jemand mitbringt, als seine Herkunft?

Ein Soldat ist immer in - nicht nur physischer - Gefahr. Wenn man sich lange nur mit Krieg und Kampf beschäftigt, kann es passieren, dass man einerseits soweit verroht, dass man auch ohne Grund tötet, während es andererseits auch passieren kann, dass man im Kampf ungerechtfertigtes Mitleid bekommt, und milde ist, wenn hartes Durchgreifen gefragt ist.

Wer aber aus einer guten Familie kommt, dessen Charakter wird diesem Druck standhalten können. Dies ist der Grund, weshalb am Anfang unserer Parascha jeder Erwachsene seinen Stammbaum offenlegte.