Nach Recht richte (beurteile) deinen Nächsten.

Raschi hat zu diesem Satz zwei Erklärungen. Einerseits kann er nach seinem Wortsinn verstanden werden: Es soll ein rechtsstaatliches Verfahren garantiert sein. Doch andererseits verweist er auf eine bekannte Mischna: "Sei deinen Nächsten nach der günstigen Seite hin beurteilend." Damit ist nicht in erster Linie ein Richter gemeint, sondern jede Person, die andauernd Situationen im Alltag um sich herum beurteilt und bewertet. "Recht" hat also hier die Bedeutung, dass man versuchen soll, eine Situation so zu beurteilen, dass die andere Person richtig handelt. Doch wie erreicht man es, einen Menschen ehrlich zur günstigen Seite hin zu beurteilen?
Einen Hinweis darauf liefert uns ein einzelnes Wort in der zitierten Mischna: "Sei." Denn der Satz könnte auch einfacher lauten: "Beurteile deinen Nächsten (...)"
Wenn einem erzählt wird, dass der eigene Vater Schwein gegessen hat, wird man das normalerweise mit Bestimmtheit zurückweisen können. Es muss eine Verwechselung sein oder schlicht erfungen - stimmen kann es jedenfalls nicht. Wenn einem allerdings gesagt wird, der Vater hätte in einer heiklen Situation gelogen, wird man dies vermutlich ebenfalls zurückweisen, aber nicht mit der selben Bestimmtheit, wie beim ersten Fall. Der Grund dafür ist der eigene Blickwinkel, aus dem man Situationen meistens betrachtet. Wenn man selber niemals Schwein essen würde, kann man sich das bei anderen auch schwer vorstellen. Doch wenn man gelegentlich nicht die Wahrheit sagt, erscheint einem dieses Verhalten nicht mehr so abwegig und man kann sich ein derartiges Verhalten viel leichter bei einem anderen vorstellen. Die Lösung ist daher, selbst zu versuchen, alles richtig einzuhalten - "sei!" Denn wenn man selbst alles richtig tut, wird man ganz von alleine bei anderen davon ausgehen, dass sie sich richtig verhalten, so abwegig es auch auf den ersten Blick erscheinen mag.

 


Ich liebte, dass G'tt meine Stimme hören wird.

In diesem Pasuk aus den Tehilim, der auch Teil des Hallel-Gebets ist, wird ausgedrückt, dass wir uns freuen, wenn G'tt unsere Gebete erhört. Doch genaugenommen beginnt der Satz in der Vergangenheit und endet in der Zukunft. Vermeintlich sollte es heißen: "Ich liebe, dass G'tt meine Stimme hört."

Räche dich nicht und grolle nicht den Söhnen deines Volkes und liebe deinen Nächsten wie dich.

Dieser Pasuk aus der Parascha dieser Woche, wohl einer der bekanntesten überhaupt, wirft eine naheliegende Frage auf: Wie kann man jemandem Gefühle befehlen? Wie kann die Tora von uns verlangen, andere zu lieben, noch dazu so sehr wie uns selbst?
Doch die Antwort auf diese Frage liefert uns in Wahrheit der Pasuk selber: Wenn man keine Rache gegenüber anderen empfindet und nicht nachtragend ist, befindet man sich bereit am besten Weg, das Wohl der anderen genauso zu schätzen wie das eigene.
In der Früh vor Beginn der Tfila sagen wir: "Hiermit nehme ich das Gebot auf mich: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Denn wir können nicht wissen, ob unsere individuellen Gebete erhört werden. Nur als Teil der Gemeinschaft können wir diese Gewissheit haben. Durch die Deklaration am Anfang des Gebets und unseren Willen, alle anderen wie uns selbst zu lieben, sind wir ein Teil der Gemeinschaft und unsere Gebete werden so G'tt will erhört werden.
In diesem Sinne, erklärt der Ba'al Sera Schimschon (Raw Schimschon Chaim Nachmani, Italien, 18. Jahrhundert), ist der Pasuk aus Tehilim zu verstehen: "Ich liebte (meine Mitmenschen), damit G'tt meine Stimme (beim Gebet) erhören wird."
Wenn wir uns mit der Gemeinschaft verbinden, keine Rache und keinen Groll gegenüber unsere Mitmenschen hegen und sie lieben wie uns selbst, werden unsere Gebete so G'tt will erhört werden! 


Jeder sei ehrfürchtig vor seiner Mutter und seinem Vater und Meine Schabbate hütet; Ich bin H', euer G'tt.
Raschi erklärt die Verbindung des Gebotes der Ehrfurcht vor den Eltern mit dem Gebot, Schabbat zu hüten damit, dass man nicht auf seine Eltern hören darf, wenn einem diese sagen, man soll Schabbat, oder jede andere Mizwa, entweihen.
Es gilt normalerweise der Grundsatz, dass ein Gebot ein Verbot verdrängt. Das bedeutet, wenn die Erfüllung eines Gebotes mit dem Überschreiten eines Verbotes einhergeht, soll man dennoch das Gebot erfüllen. Ein Beispiel dafür findet sich auch in unserer Parascha: Es ist verboten, die Ehefrau seines Bruders zu heiraten. An anderer Stelle schreibt die Tora aber vor, dass die Witwe eines kinderlosen Bruders geheiratet werden soll (Jibum).
Doch weshalb gilt dieser Grundsatz bei der Ehrfurcht vor den Eltern nicht? Wieso verdrängt diese nicht das Verbot, den Schabbat zu entweihen? Die Antwort dazu findet sich am Ende des Pasuks: "Ich bin H', euer G'tt." Nachdem G'tt es ist, der von uns verlangt, die Mizwot einzuhalten, besteht gar kein Gebot mehr, auf die Eltern zu hören, wenn diese etwas wollen, was dem Wille G'ttes widerspricht. Deshalb kann dieses Gebot den Schabbat auch nicht mehr verdrängen. Der Respekt vor anderen, seien es Eltern oder Freunde, ist wichtig, ist aber durch den Willen G'ttes beschränkt.


In der Gemara wird der Grund besprochen, weshalb Nadav und Awihu, die Söhne Ahrons, gestorben sind. Nach einer Meinung war es, weil sie ihre Haare nicht, wie für Kohanim vorgeschrieben, schnitten. Nach einer anderen dienten sie im Mischkan, nachdem sie Wein getrunken hatten und eine dritten Meinung behauptet, dass sie nicht die vorgeschriebene Kleidung der Kohanim getragen haben.
Eine Erklärung führt den Tod der beiden darauf zurück, dass sie nicht verheiratet waren, da sie die ihrer Meinung nach passende Frau (noch) nicht gefunden hatten. Einer der Acharonim verbindet diese Erklärung mit den vorher genannten, in dem er erklärt: Der Grund dafür, dass sie ungeschoren, angetrunken oder ohne die richtigen Kleider ins Mischkan kamen, war die Tatsache, dass sie ledig waren. Wenn jemand heiratet, macht ihn das von einem Junggesellen, der kaum Verantwortung übernehmen muss, zu einem erwachsenen Menschen, der für seine Familie verantwortlich ist. Mit dieser Verantwortung und dem damit einhergehenden Respekt für den Partner und die Kinder kommt man ganz von alleine auch zur Verantwortung gegenüber G'tt, zum Respekt vor ihm, einem Minjan, etc. Aus diesem Grund ist die allererste Mizwa der Tora auch, dass der Menschen heiraten muss, sodass er zu einem verantwortlichen Erwachsenen werden kann.


Sprich zu deinem Bruder Aharon, er soll nicht zu jeder Zeit ins Heiligtum hinter den Vorhang (...) kommen.
Die Tora trägt Mosche auf, Aron zu verbieten, jederzeit ins Allerheiligste zu kommen. Dies soll ihm nur zu Jom Kippur erlaubt sein. Der Midrasch erklärt, dass dieses Verbot nur für Aharon galt, während Mosche selbst auch an anderen Tagen eintreten durfte. Dieser Midrasch hilft uns zu verstehen, weshalb die Tora an dieser Stelle, im Gegensatz zu vielen anderen Erwähnungen von Aharon, betont, dass er Mosches Bruder ist. Bei Mosche konnte die Befürchtung auftreten, dass Aharon neidisch auf sein Privileg werden könnte. Doch G'tt versicherte Mosche hier mit einem subtilen Hinweis, dass die Sorge unbegründet ist: Als Mosche den Auftrag beim brennenden Busch nicht annehmen wollte, da er seinem älteren Bruder den Vortritt lassen wollte, versicherte G'tt ihm mit den Worten "Dein Bruder Aharon ist unterwegs und freut sich", dass Aharon kein Problem mit der Wahl Mosches als Führer des Volkes hatte. Durch die selbe Wortwahl im besprochenen Passuk deutete G'tt an, dass auch in diesem Fall Aharon keine Vorbehalte hatte.


In der dieswöchigen Parascha kommt die bekannte Stelle "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" vor. Sehr bekannt ist auch die dazu passende Stelle in der Gemara, in der ein Nichtjude zu Schamai kommt und ihn bittet, ihm "die ganze Tora auf einem Bein (stehend)" beizubringen. Dieser nimmt daraufhin einen Zollstock und stößt den Mann damit weg. Dieser geht daraufhin zu Hillel, der ihm sagt: "Was du nicht willst, dass dir getan wird, tue auch keinem anderen an." Der Rest der Torah ist nur eine genauere Ausführung.
Gemeinhin gilt Schamai aufgrund dieser Episode als streng, kalt, unbarmherzig, während Hillel als sympathisch, entgegenkommend und barmherzig erscheint. Doch das ist nicht die eigentliche Bedeutung: Schamai hat den Mann nicht wirklich weggestoßen. Er hat ihm mit dem Zollstock in der Hand darauf hingewiesen, dass ein Haus ein Fundament braucht und auch ein Tisch nicht auf einem Bein stehen kann, sondern mindestens drei Beine benötigt. So steht auch die Welt auf drei Beinen: Tora, Awoda (G'ttesdienst) und Gmilut Chassadim (Wohltätigkeit). Es reicht also nicht, wenn der Nichtjude sich nur meinem einem "Bein", also einer der Säulen, auf denen die Welt steht, beschäftigt. Hillel dagegen war der Ansicht, dass man durch Wohltätigkeit auch zu Tora und Awoda kommen wird.
Die Kommentatoren erklären: Hätte Schamai ihn nicht weggeschickt, hätte Hille bei dem Mann auch nichts erreicht. Er wollte die ganze Tora lernen. Hillels Hinweis hätte ihm nicht als Antwort gereicht. Nur weil Schamai seine Illusionen mit seiner klaren Aussage zuvor zerstört hatte, konnte der Mann einsehen, wie absurd sein Wunsch ist und ist bescheidener geworden, sodass er Hillels Kommentar akzeptieren konnte.


Diese Woche lesen wir am Schabbat unter anderem den bekannten Passuk "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Auch Rabbi Akiwas Satz ist sehr bekannt: "'Liebe deinen nächsten wie dich selbst' ist eine wichtige Regel der Tora." Doch wieso sieht Rabbi Akiwa ausgerechnet in diesem Satz eine so wichtige Regel der Tora. Wieso sind nicht zum Beispiel Schabbat, Kaschrut, Tora-Lernen oder eine der anderen Mizwot "wichtig"? Dazu gibt es mehrere Erklärungen.
Es gibt niemanden, der alle Mizwot der Tora erfüllen kann. Manche gelten nur in Israel, manche gelten nur für Kohanim oder Lewi'im. Andere gelten nur für Männer oder Frauen. Dann gibt es Mizwot, die sich nur an bestimmte Berufsgruppen richten, wie zum Beispiel Landwirte oder Händler. Wieder andere richten sich sogar nur an einzelne Personen, zum Beispiel an den König oder den Kohen Gadol, oder an eine kleine Gruppe wie Propheten oder das Sanhedrin. Doch wenn wir einander gegenseitig lieben, wie wir uns selbst lieben, gelten wir als eine Person, und können so die ganze Tora erfüllen, was sonst nicht möglich wäre. Deshalb ist die Nächstenliebe ein so wichtiger Grundsatz der Tora.
Wahre, gute Freunde zu finden, die Schmerz und Freude ehrlich teilen, ist etwas sehr schwieriges. Der Rebbe von Sassov erklärt, dass man so eine Freunschaft durch das gemeinsame Tora-Lernen erreichen kann. Die Verbindung der Tora ermöglicht so tiefe Freundschaften. Das sagt uns Rabbi Akiwa: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Du kannst das durch gemeinsame Verbindung mit der Tora erreichen.
Die Tora verlangt von uns, über unsere Triebe hinwegzukommen. Wir sollen unsere Bedürfnisse zugunsten der Wünsche G'ttes hintanstellen. So will der Mensch zum Beispiel verschiedene Dinge essen, doch G'tt will, dass wir nur bestimmte Speisen konsumieren. Doch der Mensch ist von Natur aus egoistisch veranlagt und es fällt ihm daher schwer, auf Dinge, die er will, zu verzichten. Woher kann man also die Kraft nehmen, diesen Grundsatz einzuhalten? Die Lösung liegt in den zwischenmenschlichen Beziehungen: Wenn wir versuchen, den Nächsten wie uns selbst zu lieben, müssen wir auch lernen, zurückzustecken und Kompromisse einzugehen. Wir können in einer Freundschaft, aber zum Beispiel auch in einer Ehe, nicht tun, was wir wollen. Durch das Zurückstecken in den zwischenmenschlichen Beziehungen schöpfen wir also die Kraft, auch die Gebote der Tora einzuhalten. Durch das Lieben unseres nächsten kommen wir zum Einhalten der Tora.


In einem Passuk in Paraschat Kedoschim stehen zwei Verbote: "Gehe nicht als Verbreiter von Geschwätz in deines Volkes Kreisen; stehe nicht müßig beim Blut deines Nächsten."
Das erste Verbot beinhaltet Üble Nachrede (Laschon Hara) und das Verbreiten von Laschon Hara eines anderen (Rechilut). Der zweite Teil des Passuks bezieht sich auf jemanden, der zum Beispiel am Ertrinken ist oder von wilden Tieren oder Räubern angegriffen wird: Wenn man es mitbekommt und etwas tun kann, darf man den Vorfall nicht einfach ignorieren.
Auch wenn diese beiden Verbote scheinbar unzusammenhängend nebeneinander stehen, besteht doch in Wahrheit eine Verbindung: Laschon Hara zu erzählen, kann einen Menschen sehr stark schädigen, wenn zum Beispiel ein Schidduch verhindert oder der gute Name eines Geschäftsmanns zerstört wird. Man kann es aber immer unterlassen, Laschon Hara zu sprechen. Das heißt: Wer Laschon Hara spricht, unterlässt es damit gleichzeitig, seinen Nächsten vor den schlimmen Folgen seiner Worte zu bewahren.

Es besteht aber ein großer Unterschied zwischen den beiden Fällen: Während jeder normale Mensch keine Sekunde zögern wird, jemanden zu retten, der in Lebensgefahr ist, obwohl es für ihn Mühe und Aufwand bedeutet, sprechen leider viele Leute immer wieder Laschon Hara, obwohl sie es auch einfach lassen könnten. Denn viele Menschen verstehen die große Kraft der Worte nicht und sehen die Verbindung dieser beiden Verbote nicht.
Doch wenn das Verbot von Laschon Hara so schlimm ist, warum wird dann doch immer wieder Laschon Hara gesprochen?

Dazu muss man die Natur des Menschen verstehen: Der Mensch will sich besser als seine Mitmenschen fühlen. Dafür gibt es zwei Wege: Der anständige und positive Weg ist es, sich sehr zu bemühen und zu Höchstleistungen zu kommen. Der andere, verbotene und schlechte Weg ist es, die anderen schlechter zu machen, und dadurch im Endeffekt besser auszusehen, obwohl man in Wirklichkeit nicht besser ist als vorher.

Doch es ist wichtig, sich immer bewusst zu sein, dass die Menschen zwar gerne hören, was andere für spannende Geschichten zu erzählen haben. In Wirklichkeit denkt man sich aber vor allem über den, der Laschon Hara spricht, negatives, auch wenn es so scheinen mag, dass man dadurch wichtig und angesehen wird.


In der Parascha dieser Woche kommt ein Passuk vor, der (teilweise) sehr bekannt ist: "Räche dich nicht und grolle nicht den Söhnen deines Volkes, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ich bin G'tt."
Raschi erklärt, was mit den beiden Begriffen "Rächen" und "Grollen" gemeint ist: Jemand will etwas von seinem Freund borgen, doch dieser verweigert den Gegenstand herzugeben. Später will dieser Freund sich etwas ausborgen. Wenn man ihm das mit dem Verweis auf sein Verhalten verweigert, ist das "Rächen". Wenn man es ihm gibt, aber darauf hinweist, dass man es ihm gibt, obwohl er es nicht genauso getan hat, dann ist das "Grollen", denn man hat diesem Freund nicht verziehen.
Aber es ist für uns Menschen sehr schwer, sich so zu verhalten, wie es uns die Tora vorschreibt. Eine Episode aus dem Tanach kann uns vielleicht helfen, diesem Ziel näher zu kommen: Als Awschalom, der Sohn von König David, einen Aufstand gegen seinen Vater plant, muss dieser mit seinen engsten Vertrauten aus Jeruschalajim flüchten. Auf dem Weg begegnet ihnen Schimi ben Gera, aus der Familie des von David abgelösten König Scha'ul. Dieser verflucht David und bewirft ihn und seine Gefolgschaft mit Steinen. Davids General Awischaj schlägt vor, ihn für dieses Vergehen zu enthaupten. Doch David beschwichtigt: Wenn Schimi ben Gera ihn derart verfluchen kann, dann hat er es anscheinend verdient, und es ist G'ttes Wille. Das ist es auch, was uns das Ende des eingangs erwähnten Passuks sagen will: "Ich bin G'tt" - Ich bin verantwortlich, wenn dir jemand etwas böses tut, denn wenn es dir nicht gebühren würde, hätte ich es verhindert. Das heißt natürlich nicht, dass der andere im Recht damit ist, sich selbst zum Richter zu machen. Er muss für sein Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden. Aber persönlich soll man ihm keinen Vorwurf machen, denn G'tt hat das Verhalten verfügt.
Rabbi Israel Salanter fuhr einst im Raucherabteil eines Zuges, als sich ein anderer jüdischer Passagier über den Rauch beschwerte. Rabbi Salanter hörte sofort zu rauchen auf, und als sich der andere Passagier weiterhin über den Rauch im Abteil beschwerte, öffnete er auch das Fenster, was diesen nicht daran hinderte, sich weiter über die nun im Abteil herrschende Kälte zu beschwerden. Schlussendlich brachte er die Fahrt hinter sich, und blieb bis zum Ende ruhig.
Einige Zeit später kam der andere Passagier zu ihm, mit der Bitte von ihm als Schochet geprüft zu werden. Als sich herausstellte, dass er von den Halachot der Schchita keine Ahnung hatte, organisierte er für ihn einen Intensivkurs bei seinem Sohn, und übernahm während der gesamten Zeit sein Hotel und seine Mahlzeiten. Nach der bestandenen Prüfung brachte er ihn noch zum Bahnhof und kam auch für sein Zugticket auf.
Sein Sohn wollte nun vom Vater wissen, weshalb er so spendabel war, und diesen Mann so großzügig unterstützte. Er erklärte ihm: Nach der Episode im Raucherabteil war ich sehr böse auf diesen Mann. Also beschloss ich, besonders nett und zuvorkommend zu ihm zu sein. Dadurch fühlte ich mich ihm näher, und kam dazu, freundschaftliche Gefühle zu ihm zu haben. Als ich dann schlussendlich auch noch das Zugticket für ihn bezahlt hatte, war ich mir sicher, dass ich keinen Groll gegen ihn mehr hege.
Diese "Anleitung" gegen Groll finden wir in der Tora, im vorhin zitierten Passuk: "Räche dich nicht und grolle nicht den Söhnen deines Volkes." Wie soll man das anstellen? Indem man "seinen Nächsten wie sich selbst [liebt]."


In der Parascha dieser Woche wird der Dienst im Tempel zu Jom Kippur beschrieben. Ein Teil dieses Dienstes des Kohen Hagadol war es, zwei sehr ähnliche Böcke zu nehmen, und jedem mittels eines Loses ein Schicksal zuzuweisen. Einer der beiden wurde G'tt geopfert, der andere wurde zum Abhang des Berges Asasel geführt und dort hinuntergestoßen. Diese Prozedur sühnt die Sünden des Volkes.
In den ersten 370 Jahren des ersten Tempels erhielt immer der Bock auf der rechten Seite des Kohen Hagadol das Los zur Opferung für G'tt, und jenes auf der linken Seite das Los für den Asasel. In den letzten vierzig Jahren des Bestandes des ersten Tempels war das nicht mehr so. Dies war eine Folge der abnehmenden religiösen Observanz in der Bevölkerung. Das deutliche Zeichen G'ttes hätte die Leute eigentlich dazu bringen sollen, Tschuwa zu tun und zu G'tt zurückzukehren. Stattdessen wurde das Zeichen aber ignoriert. Als in den folgenden Jahren wiederholt der Bock auf der linken Seite das Los zur Opferung erhielt, konnte es das Volk nicht mehr aufrütteln, da es sich schon an diesen Zustand, den es zuvor 370 jahre nicht gab, gewöhnt hatte.
Da die beiden Böcke sehr ähnlich sein mussten, wurde derjenige "für den Asasel", um ihn nach der Zulosung noch unterscheiden zu können, mit einem Farbstrich markiert. Er wusste natürlich nichts von diesem Schicksal.
Aber hätten er gewusst, dass er einen Farbstrich auf dem Rücken hat, und was dieser bedeutet, hätten er sofort alles getan, um sich irgendwie zu waschen, um diesen Strich loszuwerden.
Auch wir Menschen haben einen "Farbstrich am Rücken". Wir sehen diese Markierung zwar nicht, aber wir müssen uns ihr und ihrer Bedeutung bewusst sein, und uns "reinigen" und heiligen. Denn dass man nicht merkt, dass ein schlechtes Urteil über einen gefällt wurde, heißt noch lange nicht, dass ein solches nicht besteht. Genauso wie der Bock sind viele Menschen ahnungslos. Doch wüssten sie, was für ein Schicksal ihnen droht, und wie ernst das drohende Urteil ist, würden sie sofort reagieren, und alles mögliche tun, um ein besseres Urteil zu erreichen.


Diese Woche werden zwei Paraschot aus der Tora gelesen. In der zweiten, Paraschat Kedoschim, steht das Gebot: "Stehlt nicht!". Das Gebot ist im Plural formuliert. Rabbi Awraham Ibn-Esra lernt daraus, dass nicht nur der Diebstahl verboten ist. Die Tatsache, dass der Befehl im Plural steht, zeigt uns, dass auch ein anderer als Dieb betrachtet wird, nämlich derjenige, der einen Diebstahl beobachtet und nichts dagegen tut (wenn er dazu die Möglichkeit hat).
Und auch derjenige, der Diebesgut von einem Dieb kauft, wird als Dieb betrachtet, denn könnte der Dieb seine Beute nicht verkaufen, würde er gar nicht stehlen.